Mental disorders/Psychische Störungen

Definition

 

Als psychische Störung bezeichnet man deutliche Auffälligkeiten des Erlebens und Verhaltens Betroffener, die sich als Störungen der Wahrnehmung, der Denkprozesse, des Handelns und der Gefühle zeigen können. Zur Entscheidung, ob derlei Auffälligkeiten Krankheitswert besitzen, folglich behandlungsbedürftig sind, wird häufig die Frage nach der Fähigkeit der Betroffenen zur Selbstversorgung (Alltagstauglichkeit) und deren Belastung durch die Symptome herangezogen.

Symptome

 

Die Symptome und der Schweregrad psychischer Störungen sind vielfältig, sie können sich sehr subtil äußern und dem Betrachter weitgehend verborgen bleiben oder auch massiv auftreten und eine starke Belastung für Betroffene und deren Umfeld darstellen. Um die weite Spannbreite psychiatrischer Symptome zu illustrieren, sei an dieser Stelle eine beispielhafte Symptomsammlung wiedergegeben:

  • Bewusstseins-, Orientierungs- und Aufmerksamkeitsstörungen: Dämmerzustände, Schläfrigkeit, Schlafwandeln, Desorientierung in Bezug auf die eigene Person, örtlichem Umfeld, der aktuellen Situation und zeitlichen Zusammenhängen, Einschränkung der Auffassungsgabe, Zerstreutheit.
  • Gedächtnisstörungen: Beeinträchtigung des Kurz- und/oder Langzeitgedächtnisses, Amnesien, Trugerinnerungen wie Déjà-vu-Erlebnisse.
  • Intelligenzstörungen: Reduzierte intellektuelle Leistungsfähigkeit, entweder von Geburt an oder im Rahmen von Alters- oder Krankheitsprozessen (Demenz).
  • Denkstörungen: Störungen des Denkablaufs wie Verlangsamung, Grübeln, Denkhemmung, Ausschweifungen der Gedanken, Gedankensprünge bis zur Zusammenhangslosigkeit.
  • Wahn: Fehlbeurteilungen der Realität, an der die Betroffenen hartnäckig und überzeugt festhalten und nicht von außen zu korrigieren sind. Dazu gehören Verfolgungswahn, Eifersuchtswahn, Schuldwahn oder Größenwahn. Patienten mit wahnhaften Störungen deuten Wahrnehmungen oder Erlebnisse um (Wahnwahrnehmung) und konstruieren gelegentlich komplexe, für den Außenstehenden konfuse, für den Betroffenen allerdings schlüssige „Wahnsysteme“, in denen sie wie in einer zweiten, subjektiven Realität leben.
  • Wahrnehmungsstörungen: Scheinwahrnehmungen (Halluzinationen) im Bereich des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens, Fühlens. Veränderung der Wahrnehmungsintensität (alles wirkt blasser oder bunter, deutlicher oder verschwommener auf die Patienten).
  • Ich-Störungen: Ich-Störungen äußern sich in Schwierigkeiten, die eigene Person von der Umgebung abzugrenzen. Die Patienten haben das Gefühl, ihre Gedanken würden von außen eingegeben, entzogen oder gelesen, sie fühlen sich gesteuert oder erleben sich selbst, Teile ihrer selbst oder die Umwelt als verändert, „merkwürdig“ und fremd.
  • Stimmungs- und Antriebsstörungen: Störungen der Stimmungslage können sich durch gesteigerte oder geminderte Ausprägungen von Empfindungen wie Freude oder Traurigkeit äußern oder auch durch deren gänzliche Abwesenheit (Gefühllosigkeit). Auch eine verstärkte oder verminderte „Auslenkung“ (Umstimmung, Beeinflussung) der Stimmungslage von außen kann für bestimmte psychische Störungen typisch sein.
  • Angst- und Zwangsstörungen: Hierzu gehören gesteigerte, z. T. unsinnig erscheinende Ängste vor bestimmten oder unbestimmten Situationen, beispielsweise Angst vor Spinnen (Arachnophobie), Platz- und Raumangst, Krankheitsangst (Hypochondrie). Zwänge resultieren häufig aus z. T. unbewussten Ängsten und äußern sich in der vom Patienten selbst als unsinnig bewerteten Ausübung von Gesten, Ritualen und Handlungen (Zwangshandlungen) oder Gedanken (Zwangsgedanken). Dazu zählen unter anderem Reinigungszwang, Zählzwang oder Kontrollzwang

Haufige Krankheitsbilder

 

Im Vorgriff auf eine ausführliche Beschreibung im jeweiligen Unterkapitel folgt ein kurzer Überblick über häufige psychische Störungen und deren Symptome:

 

Depressive Störungen: Depressive Krankheitsbilder äußern sich in einer ausgeprägt gedrückten, nicht den Umständen angemessenen, Stimmungslage und Antriebslosigkeit der Patienten. Die Patienten fühlen sich traurig, unwohl und nicht dazu in der Lage, an dieser Situation etwas zu ändern. Klinisch unterschieden werden u. a. Mischbilder mit manischen oder auch wahnhaften Störungen.

 

Manische Störungen: Im Gegensatz zu depressiven Störungsbildern äußern sich manische Störungen durch eine unangepasst heitere, sorglose Stimmung der Patienten. Die Betroffenen zeigen einen ziellosen Tatendrang, sind von unsinnigen, aber als positiv empfundenen Ideen erfüllt und fallen nicht selten durch zügelloses und selbstschädigendes Verhalten wie Partyexzesse oder Geldverprassen auf. Relativ häufig sind Mischbilder, bei denen sich manische mit depressiven Phasen abwechseln, auch können Gedankengänge und –inhalte im Rahmen einer Manie wahnhaften Charakter annehmen.

 

Schizophrene Krankheitsbilder: Symptome schizophrener Störungen sind u. a. Ich-Störungen und wahnhafte Realitätsverkennung, Halluzinationen, Schlaf- und Denkstörungen oder empfundene Gefühlsleere. Unterteilt werden die schizophrenen Störungen nach Ursache oder vorherrschendem Symptombild.

 

Suchterkrankungen und Drogenstörungen: Drogenmissbrauch ist auf zweierlei Weise mit psychischen Störungen verbunden: zum einen ist für eine Reihe von Substanzen eine Auslöserfunktion für psychische Erkrankungen nachgewiesen worden, zum anderen ist belegt, das einige psychische Störungen zu einem erhöhten „Anfälligkeit“ für Drogenmissbrauch führen. Desweiteren werden auch „nicht-stoffliche“ Süchte zu den Suchterkrankungen gezählt wie beispielsweise Kauf-, Spiel- oder Sexsucht .

 

Angst- und Zwangserkrankungen: Zu den Angststörungen werden beispielsweise Phobien (objekt- oder situationsbezogene Ängste, z. B. Spinnenphobie, Platzangst) gezählt, auch Hypochondrie (übertriebene Krankheitsangst) oder Panikattacken gehören in dieses Spektrum. Zwangserkrankungen liegen häufig Ängste vor einer konkreten oder abstrakten Gefahr zugrunde, denen die Betroffenen durch die zwanghafte Ausführung von Ritualen zu entgehen versuchen (z. B. Kontroll-, Reinigungs- oder Zählzwang.



Diagnostik

Die Diagnostik psychischer Störungen ruht auf zwei Pfeilern:

 

  1. Eine zunächst durchgeführte, gewissenhafte somatische (=körperliche) Untersuchung und Befragung dient dem Ausschluss körperlicher Erkrankungen als Grundlage der psychischen Störung. Die Blutuntersuchung liefert dabei Hinweise z. B. auf zugrunde liegende Stoffwechselstörungen, die bildgebende Diagnostik (Computer- oder Magnetresonanztomographie) auf Infektionen oder Schrumpfungsprozesse des Gehirns.
  2. Der weitere wesentliche Bestandteil der Diagnostik ist die psychiatrische Anamnese (Erhebung der Krankengeschichte mit Schwerpunkt auf der Psyche des Patienten). Dazu gehört die umfangreiche Erfragung der Lebensgeschichte des Patienten, Fragen nach Charaktereigenschaften, Einstellungen und Gefühlen sowie die Beobachtung des Verhaltens des Betroffenen im Gespräch mit dem Ziel, dessen  Persönlichkeit möglichst vollständig zu erfassen. Diese Art der Anamneseerhebung hat sehr sorgfältig zu erfolgen, nimmt viel Zeit in Anspruch und kann für Untersucher und Patienten mitunter eine starke Belastung darstellen.

Es kann schwierig sein, einzelne Symptome bestimmten Krankheitsbildern zuzuordnen, nicht zuletzt wegen der Überschneidungsbereiche zwischen einzelnen psychischen Störungen. Ein wichtiges „Werkzeug“ in der Zuordnung und Zusammenfassung von Symptombildern sind daher die so genannten „Klassifikationsmanuale“ der Weltgesundheitsorganisation und der Amerikanischen Psychiatrischen Vereinigung (ICD bzw. DSM). Diese stellen Kriterien für die Stellung der Diagnose einer bestimmten psychischen Störung auf, beispielsweise Art und Dauer der Auffälligkeit oder Kombination mit weiteren Symptomen. Eine derartige Klassifikation objektiviert die Diagnosestellung und hilft bei der Abgrenzung von Differentialdiagnosen.

Therapie

 

Liegt der psychischen Störung eine körperliche Erkrankung zugrunde, ist meist die Therapie dieser maßgeblich und kann schon zum Erfolg führen.

Bei der Therapie nicht-körperlich bedingter psychischer Störungen kommen verschiedene psychotherapeutische und medikamentöse Verfahren alleine oder in Kombination zur Anwendung. Welche psychotherapeutischen Verfahren (bspw. Psychoanalyse, Verhaltens- oder Gestalttherapie) gewählt werden, hängt von der Art der zu behandelnden Störung und nicht zuletzt Erfahrungen und Qualifikation des Therapeuten ab.

Zur medikamentösen Therapie psychischer Störungen stehen eine Vielzahl spezifischer und hochwirksamer Wirkstoffe zur Verfügung, die größtenteils über die Beeinflussung des Botenstoffhaushaltes im Gehirn die Symptome der jeweiligen Störung lindern. Leider haben diese Medikamente nicht selten bedeutende Nebenwirkungen wie Schläfrigkeit, Gefühlsarmut oder Gewichtszunahme, so dass die medikamentöse Therapie den Patienten viel Konsequenz bei der Umsetzung abverlangt und unbedingt durch erfahrene Therapeuten überwacht werden sollte.

Unterstützend kann je nach Schwere der Symptomatik eine psychosoziale Betreuung der Patienten Hilfestellung bei der Bewältigung des Alltags geben.

 

Prognose

 

Die Prognose einer psychischen Störung ist recht unterschiedlich, daher fällt es schwer, allgemeingültige Angaben zu machen. Wichtig allerdings ist die Tatsache, dass eine Vielzahl psychischer Störungen unbehandelt zur Chronifizierung neigt und nach wie vor Schätzungen zufolge allenfalls die Hälfte aller behandlungsbedürftigen Störungen überhaupt in Kontakt mit Hilfseinrichtungen treten. Andererseits kann durch ein optimales Zusammenspiel aus z. B. Psychotherapie, medikamentöser Therapie und psychosozialer Betreuung der Patienten oft auch bei schwerwiegenden psychischen Störungen ein guter Behandlungserfolg sichergestellt werden, der häufig an der Wiedereingliederung der Betroffenen in einen geregelten Alltag und deren Fähigkeit zur Selbstversorgung gemessen wird.

 

quelle: www.dr-grumpert.de